{"id":8561,"date":"2026-07-30T13:20:56","date_gmt":"2026-07-30T12:20:56","guid":{"rendered":"https:\/\/thecannex.com\/?p=8561"},"modified":"2026-07-30T13:33:58","modified_gmt":"2026-07-30T12:33:58","slug":"cannabis-wundheilung-afrikanische-traditionsmedizin-studie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/thecannex.com\/de\/cannabis-wundheilung-afrikanische-traditionsmedizin-studie\/","title":{"rendered":"Cannabis und Wundheilung: Warum eine afrikanische Traditionsmedizin zwei Labortests bestand \u2014 und beim entscheidenden dritten durchfiel"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der s\u00fcdafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal behandelt ein traditioneller Heiler seit Jahren schlecht heilende Wunden mit einer dunklen Paste aus sechs Pflanzen. Die H\u00e4lfte davon ist <em>Cannabis sativa<\/em>. Patienten berichteten von Besserung. \u00dcberpr\u00fcft hatte das nie jemand. Nun hat ein Team s\u00fcdafrikanischer und simbabwischer Wissenschaftler die Rezeptur durch ein komplettes Laborprogramm geschickt \u2014 und das Ergebnis ist deutlich unbequemer als ein einfaches Ja oder Nein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Arbeit erschien am 29. Juli 2026 im <em>International Journal of Molecular Sciences<\/em> unter dem Titel <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.3390\/ijms27156815\">Evaluation of the Antioxidant, Anti-Inflammatory, and Antimicrobial Activity of a <em>Cannabis sativa<\/em>-Infused African Product Used for Wound Healing<\/a>. Geleitet wurde sie an der University of KwaZulu-Natal, gemeinsam mit dem Heiler selbst, Herrn Shezi, der die Zubereitung offenlegte. Das Pr\u00e4parat l\u00e4uft in der Publikation schlicht unter der Bezeichnung Product Shezi. Kurzfassung des Befunds: Die Daten deuten auf messbare antioxidative und entz\u00fcndungsmodulierende Eigenschaften hin \u2014 und sie zeigen gleichzeitig, dass der Extrakt als antibakterielles Mittel versagt und Wundinfektionen unter Laborbedingungen sogar beg\u00fcnstigen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das Wichtigste in K\u00fcrze<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Product Shezi ist eine Vielstoffmischung, in der Cannabis die H\u00e4lfte der Masse ausmacht; die andere H\u00e4lfte stammt von f\u00fcnf bekannten s\u00fcdafrikanischen Heilpflanzen. Im Labor neutralisierte der Extrakt bis zu 70 Prozent freier Radikale und sch\u00fctzte Bindegewebszellen vollst\u00e4ndig vor oxidativem Stress. Bei der Hemmung von Prostaglandin E2 \u2014 dem Botenstoff hinter Wundschmerz und Schwellung \u2014 erreichte er bei 10 \u00b5g\/mL statistisch das Niveau von Diclofenac bei der f\u00fcnffachen Konzentration. Gegen Bakterien kippte das Bild vollst\u00e4ndig: Nur zwei von sieben Wundkeimen reagierten \u00fcberhaupt, und zwar erst bei Konzentrationen, die f\u00fcr Hautzellen bereits giftig waren. Am deutlichsten fiel das Biofilm-Ergebnis aus. Anstatt die bakteriellen Schutzschichten aufzubrechen, die chronische Wunden offen halten, f\u00f6rderte der Extrakt deren Wachstum \u2014 bei allen getesteten Erregern. Wie viel CBD oder THC in dem Produkt steckt, konnten die Autoren nicht angeben: Die Phytochemie wurde ausschlie\u00dflich qualitativ untersucht. Und s\u00e4mtliche Befunde stammen aus Zellkulturschalen, nicht von menschlicher Haut.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Warum chronische Wunden so hartn\u00e4ckig sind<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine normal heilende Wunde durchl\u00e4uft vier \u00fcberlappende Phasen: Blutstillung, Entz\u00fcndung, Aufbau, Umbau. Die Entz\u00fcndung ist dabei kein Fehler, sondern die Aufr\u00e4umkolonne \u2014 sie beseitigt Zelltr\u00fcmmer und t\u00f6tet Eindringlinge. Das Problem beginnt, wenn diese Phase nicht endet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwei Mechanismen halten sie am Laufen. Der erste ist oxidativer Stress: Immunzellen setzen reaktive Sauerstoffspezies wie Wasserstoffperoxid frei, um die Wunde zu desinfizieren. Im \u00dcberma\u00df zerst\u00f6ren dieselben Molek\u00fcle Zellmembranen, sch\u00e4digen Proteine und zersetzen das St\u00fctzger\u00fcst, auf dem neues Gewebe wachsen m\u00fcsste. Der zweite Mechanismus sind Bakterien \u2014 und zwar solche, die aufh\u00f6ren, frei zu schwimmen, und sich in Biofilme einbetten: dichte Gemeinschaften in einer schleimigen Schutzmatrix. Innerhalb eines Biofilms \u00fcberleben Bakterien Wirkstoffkonzentrationen, die etwa tausendfach \u00fcber dem liegen, was frei schwimmende Erreger abt\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die deutsche Versorgungsrealit\u00e4t ist das kein Randthema. Ulcus cruris, Dekubitus und das diabetische Fu\u00dfsyndrom sind genau die Krankheitsbilder, bei denen dieser Kreislauf klinisch relevant wird \u2014 und die beiden Erreger, die in der Studie \u00fcberhaupt reagierten, <em>Staphylococcus aureus<\/em> und <em>Staphylococcus epidermidis<\/em>, sind auch in deutschen Wundzentren die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen. <em>S. epidermidis<\/em> gilt zudem als klassischer Biofilmbildner auf Kathetern und Implantaten. Vor diesem Hintergrund ist ausgerechnet das Biofilm-Ergebnis dieser Studie der Teil, der aufhorchen lassen sollte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was in Product Shezi tats\u00e4chlich enthalten ist<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Rezeptur besteht zur H\u00e4lfte aus <em>Cannabis sativa<\/em>. Die andere H\u00e4lfte ist eine gleichgewichtige Mischung aus f\u00fcnf einheimischen Arten: <em>Drimia altissima<\/em>, <em>Albuca fastigiata<\/em>, <em>Bulbine latifolia<\/em>, <em>Hypoxis hemerocallidea<\/em> \u2014 im Handel als \u201eAfrikanische Kartoffel&#8220; bekannt \u2014 und <em>Hypericum aethiopicum<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der letzte Name d\u00fcrfte deutschen Lesern etwas sagen, denn es handelt sich um einen afrikanischen Verwandten des Johanniskrauts. Johanniskraut\u00f6l geh\u00f6rt hierzulande zu den \u00e4ltesten \u00e4u\u00dferlich angewendeten Pflanzenzubereitungen bei kleineren Verletzungen und leichten Verbrennungen und ist Gegenstand einer Monographie der fr\u00fcheren Kommission E. Die Idee, Hypericum auf eine Wunde zu geben, ist in der deutschen Phytotherapie also alles andere als exotisch \u2014 was den Vergleich, der sp\u00e4ter in diesem Text folgt, umso interessanter macht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alle sechs Pflanzen wurden im Distrikt uMgungundlovu gesammelt, von einem Universit\u00e4tsbotaniker bestimmt und als Herbarbelege archiviert \u2014 eine Dokumentationstiefe, die viele ethnopharmakologische Arbeiten auslassen. F\u00fcr den Cannabisanteil lag eine Genehmigung der s\u00fcdafrikanischen Arzneimittelbeh\u00f6rde SAHPRA vor, f\u00fcr die Studie ein Ethikvotum der Universit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zubereitet wurde nach der Methode des Heilers: Pflanzen an der Sonne trocknen, mahlen, zwei Stunden kochen, filtrieren, gefriertrocknen. F\u00fcr die antibakteriellen Tests kam zus\u00e4tzlich ein Methanolextrakt hinzu \u2014 allein um zu pr\u00fcfen, ob ein organisches L\u00f6sungsmittel Wirkstoffe herausholt, die kochendes Wasser liegen l\u00e4sst. Die Analytik best\u00e4tigte Flavonoide, Saponine, Tannine, Glykoside, Terpenoide, Steroide und Alkaloide.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass Cannabis daran mitwirkt, ist plausibel: Menschliche Haut ist dicht mit Cannabinoid-Rezeptoren besetzt, und die <a href=\"https:\/\/thecannex.com\/de\/cbd-cannabinoide-hauterkrankungen-dermatologie-wissenschaft\/\">Forschung zu Cannabinoiden in der Dermatologie<\/a> hat sich in den letzten Jahren stark ausgeweitet. Nur: Die f\u00fcnf Begleitpflanzen bringen eigene antioxidative und entz\u00fcndungshemmende Datenlagen mit. Welcher Anteil auf das Cannabis zur\u00fcckgeht, kl\u00e4rt diese Studie nicht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was im Labor funktionierte<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier lieferte der Extrakt belastbare Zahlen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im standardisierten DPPH-Test neutralisierte er bis zu 70 Prozent der freien Radikale. Die Referenz Ascorbins\u00e4ure kam auf 94 Prozent. Der Extrakt ist einem reinen Antioxidans also unterlegen \u2014 70 Prozent aus einem gekochten Pflanzengemisch bleiben dennoch ein respektabler Wert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aussagekr\u00e4ftiger war der Zellversuch. Die Forscher setzten Fibroblasten \u2014 jene Zellen, die gesch\u00e4digte Haut wieder aufbauen \u2014 gezielt Wasserstoffperoxid aus und ma\u00dfen das \u00dcberleben. Product Shezi sch\u00fctzte sie signifikant, und zwar sowohl bei gleichzeitiger Gabe als auch bei einer Vorbehandlung 24 Stunden vor dem Peroxid. Oberhalb von 3 \u00b5g\/mL war der Schutz im Vorbehandlungsmodell vollst\u00e4ndig. Dass die Vorbehandlung genauso gut wirkte, deutet darauf hin, dass der Extrakt nicht nur Radikale abf\u00e4ngt, sondern die Zellen auf oxidativen Stress vorbereitet.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Entz\u00fcndung: ein Signalweg ja, einer nein<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entz\u00fcndung l\u00e4uft \u00fcber mehrere getrennte molekulare Kan\u00e4le. Der Extrakt bediente nur einen davon.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stickstoffmonoxid, einer der zentralen Entz\u00fcndungsbotenstoffe, blieb praktisch unber\u00fchrt. Ibuprofen senkte es nach 24 Stunden signifikant, Product Shezi in keiner Konzentration und zu keinem Zeitpunkt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei Prostaglandin E2 sah es anders aus. PGE2 ist ma\u00dfgeblich f\u00fcr Schmerz und Schwellung rund um eine Verletzung verantwortlich, und nach 24 Stunden senkte jede getestete Konzentration den Wert signifikant gegen\u00fcber entz\u00fcndeten Kontrollzellen. Nach zw\u00f6lf Stunden passierte nichts \u2014 ein Hinweis auf einen langsameren Mechanismus als bei einem klassischen Arzneistoff.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der dritte Test war der auff\u00e4lligste. Weil hitzegesch\u00e4digtes Protein ein Kennzeichen entz\u00fcndeten Gewebes ist, pr\u00fcften die Forscher, wie gut der Extrakt die Denaturierung von Rinderserumalbumin verhindert. Bei 10 \u00b5g\/mL kam Product Shezi auf 66 Prozent Hemmung. Diclofenac erreichte 70 Prozent \u2014 bei 50 \u00b5g\/mL, also der f\u00fcnffachen Dosis. Statistisch waren beide nicht unterscheidbar. Das ist ein Modellversuch und kein klinischer Endpunkt, als Potenzsignal aber ein starkes. Es passt zu der wachsenden Literatur \u00fcber Cannabinoide und Entz\u00fcndungsprozesse nach Verletzungen, etwa den Untersuchungen zu <a href=\"https:\/\/thecannex.com\/de\/cbd-postoperative-schmerzen-studie-2025\/\">CBD und Schmerz an der Operationswunde<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wo es bricht: Die antibakteriellen Zahlen tragen nicht<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sieben Bakterienarten, die Wunden besiedeln, gingen in die mikrobiologischen Tests. F\u00fcnf blieben unbeeindruckt: <em>E. coli<\/em>, klassische und hypervirulente <em>Klebsiella pneumoniae<\/em>, <em>Pseudomonas aeruginosa<\/em> und <em>Bacillus subtilis<\/em> zeigten in keiner gepr\u00fcften Konzentration eine messbare Hemmung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwei reagierten. Der w\u00e4ssrige Extrakt hemmte <em>S. aureus<\/em> erst bei 5.000 \u00b5g\/mL und <em>S. epidermidis<\/em> bei 625 \u00b5g\/mL. Doxycyclin brachte jeden Keim des Panels bei 2 bis 16 \u00b5g\/mL unter Kontrolle. Die traditionelle Zubereitung brauchte also das 40- bis 2.500-Fache an Material f\u00fcr ein schlechteres Ergebnis.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entscheidend ist der Selektivit\u00e4tsindex \u2014 das Verh\u00e4ltnis zwischen der Konzentration, die eigene Zellen sch\u00e4digt, und jener, die Bakterien hemmt. Werte unter 1 bedeuten, dass das Mittel den Wirt vor dem Erreger trifft; in der Wirkstoffsuche gilt \u00fcblicherweise erst ein Wert ab 10 als weiterverfolgungsw\u00fcrdig. S\u00e4mtliche Kombinationen aus Extrakt und Erreger lagen in dieser Studie zwischen etwa 0,005 und 0,05. Keine einzige erreichte 1. Im Klartext: Jede Konzentration, die diese Bakterien ausbremste, sch\u00e4digte Haut- und Immunzellen bereits. Ein therapeutisches Fenster existiert nicht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Ergebnis, das niemand wollte<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann kam der Befund, der alles andere neu einordnet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Biofilme sind der Grund, warum chronische Wunden chronisch werden. Das Team pr\u00fcfte daher beides: ob Product Shezi ihre Bildung verhindert und ob es bestehende Biofilme aufl\u00f6st. Es tat keines von beidem. \u00dcber alle sieben Arten hinweg und in beiden Versuchsanordnungen nahm die Biofilmmasse gegen\u00fcber unbehandelten Kontrollen zu. Die Vergleichsantibiotika senkten sie. Der Extrakt vergr\u00f6\u00dferte sie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Autoren liefern eine plausible Erkl\u00e4rung, die in der Pflanzenextrakt-Mikrobiologie bekannt ist: Bakterien bauen Biofilme als Stressantwort. Ein Mittel, das sie reizt, ohne sie zu t\u00f6ten, kann genau diesen Reflex ausl\u00f6sen \u2014 f\u00fcr phenolreiche Zubereitungen ist das dokumentiert. Denkbar ist au\u00dferdem, dass einzelne Stoffwechselprodukte der Mischung den Bakterien einfach eine g\u00fcnstigere Oberfl\u00e4che bieten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die praktische Konsequenz ist unangenehm. Eine Auflage, die Entz\u00fcndung d\u00e4mpft und gleichzeitig Biofilme f\u00f6rdert, k\u00f6nnte eine Wunde besser aussehen lassen, w\u00e4hrend sie schlechter heilt. Die Autoren selbst schlie\u00dfen, dass Product Shezi allenfalls als Erg\u00e4nzung zu Antibiotika in Frage kommt, nicht als eigenst\u00e4ndige Behandlung. Auf dieser Datenbasis ist das keine diplomatische Formulierung, sondern die einzig vertretbare Lesart.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die fehlende Zahl \u2014 und warum deutsche Phytotherapie genau hier ansetzt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was die Publikation nicht sagt: wie viel Cannabis-Chemie in Product Shezi \u00fcberhaupt steckt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die phytochemische Analyse war rein qualitativ \u2014 Farbreaktionen, die best\u00e4tigen, dass bestimmte Substanzklassen vorhanden sind, ohne jede Mengenangabe. CBD-Gehalt, THC-Gehalt, Terpenprofil, Cannabinoid-Verh\u00e4ltnisse: nichts davon wurde quantifiziert. Die Autoren f\u00fchren das selbst unter den Limitationen und fordern Chromatographie und Massenspektrometrie f\u00fcr Folgearbeiten. Trotzdem bleibt eine gro\u00dfe L\u00fccke: Die H\u00e4lfte dieser Rezeptur ist Cannabis, und niemand wei\u00df, was in dieser H\u00e4lfte ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr deutsche Leser ist das der eigentlich lehrreiche Punkt. Die EU kennt seit Jahren einen eigenen Zulassungsweg f\u00fcr traditionelle pflanzliche Arzneimittel, in Deutschland verankert in den \u00a7\u00a7 39a ff. AMG. Dieser Weg verlangt gerade <em>keinen<\/em> Wirksamkeitsnachweis durch klinische Studien \u2014 der Nachweis langj\u00e4hriger traditioneller Anwendung gen\u00fcgt. Was er sehr wohl verlangt, ist pharmazeutische Qualit\u00e4t: definierte Droge, definiertes Extraktionsverfahren, Droge-Extrakt-Verh\u00e4ltnis, Gehaltsbestimmung, Reinheitspr\u00fcfung, Stabilit\u00e4t. Genau daran w\u00fcrde Product Shezi in seiner heutigen Form scheitern \u2014 nicht an der fehlenden Tradition, sondern an der fehlenden Standardisierung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist die stille St\u00e4rke des deutschen Phytopharmaka-Modells. Ein Johanniskraut-Pr\u00e4parat aus der Apotheke ist deshalb ein Arzneimittel und keine Kr\u00e4utermischung, weil jede Charge auf denselben Gehalt eingestellt und gepr\u00fcft wird. Pflanzenmaterial schwankt je nach Ernte, Standort und Zubereitung erheblich, weshalb Qualit\u00e4tsprobleme wie <a href=\"https:\/\/thecannex.com\/de\/schwermetalle-in-cannabis-who-grenzwert-studie\/\">Schwermetallbelastungen in Cannabis<\/a> auch in regulierten M\u00e4rkten immer wieder auftauchen. Ohne quantitative Analytik ist eine Charge Product Shezi nicht notwendigerweise dasselbe Mittel wie die n\u00e4chste.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was in Deutschland rechtlich gelten w\u00fcrde<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Cannabisanteil ist dabei nicht das Haupthindernis. Seit dem Konsumcannabisgesetz vom 1. April 2024 ist Cannabis f\u00fcr Erwachsene in Deutschland kein Bet\u00e4ubungsmittel im fr\u00fcheren Sinne mehr, und das gleichzeitig eingef\u00fchrte Medizinal-Cannabisgesetz hat Medizinalcannabis aus dem Bet\u00e4ubungsmittelrecht herausgel\u00f6st und der \u00e4rztlichen Verordnung \u00fcber die Apotheke zugewiesen. Ein cannabishaltiges Rezepturarzneimittel ist in Deutschland also grunds\u00e4tzlich denkbar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Nadel\u00f6hr liegt woanders. Ein Produkt, das dazu bestimmt ist, Wunden zu behandeln, ist nach europ\u00e4ischem Recht kein Kosmetikum \u2014 die Kosmetikverordnung erfasst Reinigung, Pflege, Schutz und Beduftung, nicht die Behandlung von Krankheiten. Wundprodukte fallen damit unter das Medizinprodukterecht oder das Arzneimittelgesetz, mit den entsprechenden Konformit\u00e4ts- beziehungsweise Zulassungsanforderungen. Und f\u00fcr die Bewerbung gilt das Heilmittelwerbegesetz: Wer einem Produkt eine wundheilende Wirkung zuschreibt, die nicht belegt ist, bewegt sich im Bereich der irref\u00fchrenden Werbung. Ein Heilversprechen auf Grundlage von In-vitro-Daten w\u00e4re in Deutschland nicht zul\u00e4ssig \u2014 unabh\u00e4ngig davon, wie gut die Zellkulturzahlen aussehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hinzu kommt die ungekl\u00e4rte Lage bei CBD selbst: Oral aufgenommenes Cannabidiol wird in der EU als neuartiges Lebensmittel behandelt, dessen Sicherheitsbewertung nicht abgeschlossen ist, und das Bundesinstitut f\u00fcr Risikobewertung hat mehrfach auf THC-Gehalte in hanfhaltigen Erzeugnissen hingewiesen. F\u00fcr ein unquantifiziertes Extrakt mit 50 Prozent Cannabisanteil ist das keine komfortable Ausgangslage.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was die Studie belegt \u2014 und was nicht<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man k\u00f6nnte diese Arbeit als Best\u00e4tigung traditioneller Medizin lesen oder als deren Widerlegung. Beides trifft nicht zu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Belegt ist, dass ein Mittel, das seit Jahren an realen Patienten angewendet wird, messbare biologische Aktivit\u00e4t besitzt \u2014 die antioxidativen und entz\u00fcndungsmodulierenden Effekte sind keine Folklore, und das Ergebnis zur Proteindenaturierung h\u00e4lt dem Vergleich mit einem Arzneistoff stand. Belegt ist ebenso, dass der antibakterielle Ruf des Produkts der Pr\u00fcfung nicht standh\u00e4lt und dass die Rezeptur ein spezifisches, bisher unsichtbares Risiko tr\u00e4gt: die F\u00f6rderung von Biofilmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jeder dieser Befunde stammt aus Zellen und Bakterien in Kunststoffplatten. Keine echte Wunde war beteiligt. In-vitro-Ergebnisse \u00fcbertragen sich regelm\u00e4\u00dfig nicht \u2014 eine Substanz, die Fibroblasten in der Schale sch\u00fctzt, erreicht in der Haut m\u00f6glicherweise nie die richtige Schicht in der richtigen Konzentration, und ein Biofilmeffekt in der Mikrotiterplatte kann sich im Milieu eines echten Ulkus anders verhalten. Die Autoren sagen ausdr\u00fccklich, dass Tierversuche und In-vivo-Wundmodelle folgen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was diese s\u00fcdafrikanische Arbeit dem Feld hinzuf\u00fcgt, ist ein Vorgehen: die Zubereitungsmethode des Heilers ernst nehmen, die Pflanzen sauber dokumentieren \u2014 und die Fehlschl\u00e4ge neben den Erfolgen berichten. Das Biofilm-Ergebnis ist das unvorteilhafteste Detail der Publikation. Es zu ver\u00f6ffentlichen war das Wertvollste, was die Autoren tun konnten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">H\u00e4ufige Fragen<\/h2>\n\n\n\n<div class=\"schema-faq wp-block-yoast-faq-block\"><div class=\"schema-faq-section\" id=\"faq-question-1785414711612\"><strong class=\"schema-faq-question\"><strong>Hei\u00dft das, Cannabis unterst\u00fctzt die Wundheilung?<\/strong><br><\/strong> <p class=\"schema-faq-answer\">Die Studie st\u00fctzt einen Teilmechanismus, kein Gesamturteil. Der cannabishaltige Extrakt sch\u00fctzte hautaufbauende Zellen im Labor vor oxidativem Stress und senkte entz\u00fcndliche Prostaglandine \u2014 beides ist f\u00fcr Heilungsprozesse relevant. Cannabis war aber nur die H\u00e4lfte der Rezeptur, sein eigener Beitrag wurde nie isoliert, und es war keine Wunde beteiligt. Untersuchungen zur direkten Wundheilung an Tieren oder Menschen liegen f\u00fcr dieses Pr\u00e4parat nicht vor.<br><\/p> <\/div> <div class=\"schema-faq-section\" id=\"faq-question-1785414728134\"><strong class=\"schema-faq-question\"><strong>Sollte man eine cannabishaltige Kr\u00e4uterpaste auf eine offene Wunde geben?<\/strong><br><\/strong> <p class=\"schema-faq-answer\">Auf Basis dieser Forschung nicht. Der Extrakt war f\u00fcr Haut- und Immunzellen bereits bei Konzentrationen giftig, die zur Bakterienhemmung n\u00f6tig waren, und er erh\u00f6hte bei jedem getesteten Erreger das Biofilmwachstum. Biofilme sind der Hauptgrund, warum Wunden chronisch werden. Offene und insbesondere nicht regelrecht heilende Wunden geh\u00f6ren in \u00e4rztliche Beurteilung.<br><\/p> <\/div> <div class=\"schema-faq-section\" id=\"faq-question-1785414738844\"><strong class=\"schema-faq-question\"><strong>Warum wiegt das Biofilm-Ergebnis schwerer als die guten Entz\u00fcndungswerte?<\/strong><br><\/strong> <p class=\"schema-faq-answer\">Weil beide Effekte in einer realen Wunde gegeneinander arbeiten. Weniger Entz\u00fcndung bedeutet weniger Schmerz und Schwellung, was sich wie Verbesserung anf\u00fchlt. Ein wachsender Biofilm schirmt Bakterien gleichzeitig gegen Immunsystem und Antibiotika ab \u2014 genau der Mechanismus, der eine heilende Wunde in eine chronische verwandelt. Ein Mittel, das beides zugleich bewirkt, k\u00f6nnte eine Verschlechterung \u00fcberdecken statt sie aufzuhalten.<br><\/p> <\/div> <div class=\"schema-faq-section\" id=\"faq-question-1785414751890\"><strong class=\"schema-faq-question\"><strong>D\u00fcrfte ein solches Pr\u00e4parat in Deutschland als wundheilendes Mittel verkauft werden?<\/strong><br><\/strong> <p class=\"schema-faq-answer\">In der vorliegenden Form nicht. Produkte zur Wundbehandlung sind keine Kosmetika, sondern Medizinprodukte oder Arzneimittel und ben\u00f6tigen die entsprechende Konformit\u00e4tsbewertung beziehungsweise Zulassung. Der Weg \u00fcber die Registrierung als traditionelles pflanzliches Arzneimittel nach dem Arzneimittelgesetz verlangt keinen klinischen Wirksamkeitsnachweis, wohl aber definierte pharmazeutische Qualit\u00e4t und Standardisierung \u2014 was bei einem rein qualitativ charakterisierten Extrakt nicht gegeben ist. Zus\u00e4tzlich untersagt das Heilmittelwerbegesetz Werbeaussagen zu Heilwirkungen, die nicht belegt sind. Rechtslage und Anforderungen \u00e4ndern sich; verbindlich sind die Ausk\u00fcnfte der zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden.<br><\/p> <\/div> <\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Haftungsausschluss:<\/strong> Dieser Beitrag dient ausschlie\u00dflich der Information und wissenschaftsjournalistischen Einordnung. Er stellt keine medizinische, rechtliche oder pharmazeutische Beratung dar und enth\u00e4lt keine Heilaussagen. Berichtet wird \u00fcber eine einzelne peer-reviewte In-vitro-Studie; Laborergebnisse an Zellkulturen lassen keine verl\u00e4sslichen Schl\u00fcsse auf Wirkungen beim Menschen zu und sind kein Nachweis von Wirksamkeit oder Sicherheit. Nichts hiervon ist zur Selbstbehandlung von Wunden, Infektionen oder anderen Erkrankungen geeignet. Wer eine nicht heilende Wunde, Anzeichen einer Infektion oder eine Wunde im Zusammenhang mit Diabetes oder einer Durchblutungsst\u00f6rung hat, sollte qualifizierte medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. The Cannex empfiehlt kein Produkt und keine Zubereitung. Die rechtlichen Rahmenbedingungen f\u00fcr Cannabis unterscheiden sich zwischen L\u00e4ndern und Regionen erheblich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der s\u00fcdafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal behandelt ein traditioneller Heiler seit Jahren schlecht heilende Wunden mit einer dunklen Paste aus sechs Pflanzen. Die H\u00e4lfte davon ist Cannabis sativa. 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Rechtslage und Anforderungen \u00e4ndern sich; verbindlich sind die Ausk\u00fcnfte der zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden.<br>","inLanguage":"de"},"inLanguage":"de"}]}},"brizy_media":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/thecannex.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8561","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/thecannex.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/thecannex.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/thecannex.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/thecannex.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8561"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/thecannex.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8561\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8562,"href":"https:\/\/thecannex.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8561\/revisions\/8562"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/thecannex.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8560"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/thecannex.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8561"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/thecannex.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8561"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/thecannex.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8561"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}