Fast alles, was wir über Cannabidiol als Epilepsie-Medikament wissen, stammt aus Studien mit Kindern. Die Zulassungsstudien rekrutierten überwiegend junge Patienten mit seltenen, schweren Epilepsieformen, die im Kleinkindalter beginnen. Doch diese Kinder werden erwachsen, und ihre Anfälle begleiten sie meist ein Leben lang. Eine neue retrospektive Auswertung aus drei südspanischen Kliniken stellt deshalb eine Frage, die in der Neurologie seit Jahren im Raum steht: Wirkt Cannabidiol auch dann noch, wenn der Patient erwachsen ist, und verträgt der Körper es genauso?
Die Arbeit erschien im September 2026 in der Fachzeitschrift Epilepsia Open unter dem Titel „Effectiveness and safety of cannabidiol in adult patients with epilepsy: A multicenter, retrospective study“ (DOI: 10.1002/epi4.70331). Sie begleitet 37 Erwachsene mit Lennox-Gastaut-Syndrom, Dravet-Syndrom oder tuberöser Sklerose, die mindestens ein Jahr lang pharmazeutisches Cannabidiol einnahmen. Erstautorin ist Sara Sánchez-Gamino vom Hospital Regional Universitario de Málaga. Finanziert wurde die Studie von Jazz Pharmaceuticals, dem Hersteller des Medikaments. Beides ist für die Einordnung der Ergebnisse relevant, und wir kommen darauf zurück.
Key Takeaways
Nach zwölf Monaten hatten 45,9 Prozent der erwachsenen Patienten ihre Anfallshäufigkeit mindestens halbiert, 59,5 Prozent verzeichneten einen Rückgang um ein Viertel oder mehr. Rund vier von fünf Patienten nahmen das Medikament nach einem Jahr noch ein, eine höhere Therapietreue als in den meisten vergleichbaren Studien aus der Versorgungspraxis. Nebenwirkungen traten bei 64,9 Prozent auf, waren aber überwiegend mild; am häufigsten waren Schläfrigkeit, veränderte Leberwerte und Reizbarkeit, sechs Patienten brachen die Behandlung deswegen ab. Die Zahl der zusätzlich eingenommenen Antiepileptika sank im Median von vier auf drei. Angehörige berichteten bei etwa drei von zehn Patienten über bessere Wachheit oder ein besseres Verhalten. Die Studie hat keine Kontrollgruppe, eine kleine Stichprobe und Industriefinanzierung; sie zeigt einen Zusammenhang im Klinikalltag, keinen Beweis für eine ursächliche Wirkung.
Wer untersucht wurde
Die 37 Patienten wurden am Hospital Regional Universitario de Málaga, am Hospital Universitario Virgen de la Victoria (ebenfalls Málaga) und am Complejo Hospitalario de Jaén behandelt. Aufgenommen wurde, wer mindestens 18 Jahre alt war, eine Diagnose von Dravet-Syndrom, Lennox-Gastaut-Syndrom oder tuberöser Sklerose hatte, vor August 2024 mit Cannabidiol begonnen hatte und über mindestens zwölf Monate dokumentierte Verlaufsdaten verfügte.
Das mediane Alter lag bei 25 Jahren, die mittlere Hälfte der Patienten war zwischen 22 und 39 Jahre alt. Zwei Drittel (67,5 Prozent) waren männlich, das mediane Körpergewicht betrug 60 Kilogramm. Fast alle, nämlich 34 von 37, hatten ein Lennox-Gastaut-Syndrom, eine im Kindesalter beginnende Epilepsieform mit mehreren gleichzeitig auftretenden Anfallstypen, die als besonders schwer behandelbar gilt. Ein Patient hatte ein Dravet-Syndrom, zwei eine Epilepsie im Rahmen einer tuberösen Sklerose, einer genetischen Erkrankung, bei der gutartige Wucherungen im Gehirn und in anderen Organen entstehen.
Es handelte sich um intensiv vorbehandelte Patienten. Vor Beginn der Cannabidiol-Therapie hatten sie im Median bereits vier Antiepileptika durchlaufen. Nach der Definition der Internationalen Liga gegen Epilepsie gilt eine Epilepsie als pharmakoresistent, wenn zwei geeignete Medikamente versagt haben; diese Patienten lagen weit jenseits dieser Schwelle. Die meisten hatten zudem eine mittelschwere bis schwere geistige Behinderung, was, wie die Autoren anmerken, formale kognitive Tests praktisch unmöglich machte.
Cannabidiol bedeutet hier Epidyolex, die hochgereinigte Lösung zum Einnehmen, die von der Europäischen Arzneimittel-Agentur für die drei genannten Erkrankungen ab dem Alter von zwei Jahren zugelassen ist, bei Dravet- und Lennox-Gastaut-Syndrom in Kombination mit Clobazam (EMA-Fachinformation). Es ist nicht das CBD-Öl aus dem Drogeriemarkt. Die Patienten begannen mit einer medianen Dosis von 4,41 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag, stabilisierten sich bei einer Erhaltungsdosis von 10,45 mg/kg/Tag und erreichten im Median eine Höchstdosis von 11 mg/kg/Tag. Das liegt am unteren Ende dessen, was die Fachinformation erlaubt, ein Punkt, den die Autoren beim Vergleich mit anderen Kohorten ausdrücklich hervorheben.
Wie die Anfälle gemessen wurden
Es war eine retrospektive Aktenanalyse: Die Forscher werteten bestehende Patientenakten aus, statt eine Studie zu planen und Teilnehmer im Voraus zu rekrutieren. Die Anfallsdaten selbst stammten aus täglich geführten Anfallskalendern, die Patienten oder, häufiger, ihre Angehörigen ausfüllten und die bei den Kontrolltermine vor der Behandlung sowie nach 6 und 12 Monaten ausgewertet wurden.
Als Ausgangswert galt die Gesamtzahl klinisch relevanter Anfälle in den sechs Monaten vor Therapiebeginn. Das Ansprechen wurde dann in drei Stufen eingeteilt: ein Rückgang um mehr als 25 Prozent, um mindestens 50 Prozent und um mindestens 75 Prozent gegenüber dem Ausgangswert. Die 50-Prozent-Schwelle ist in der Epilepsieforschung die übliche Grenze, ab der ein Patient als „Responder“ gilt.
Eine Einschränkung nennen die Autoren offen: Sie konnten die Ergebnisse nicht nach Anfallstyp aufschlüsseln. Viele Patienten hatten mehrere Anfallsarten gleichzeitig, und die Angehörigen konnten sie nicht so zuverlässig unterscheiden, dass eine statistische Auswertung möglich gewesen wäre. Die Studie misst also die Gesamtanfallslast, nicht etwa Sturzanfälle im Einzelnen.
Kognitive und Verhaltensänderungen wurden erfasst, indem die Familien bei jedem Termin gefragt wurden, ob ihnen Veränderungen bei Wachheit, Kontaktfähigkeit, Verhalten, Schlaf oder Alltagsfunktionen aufgefallen waren. Ein standardisierter Fragebogen kam nicht zum Einsatz.
Anfallsreduktion: Die Hauptergebnisse
Nach sechs Monaten hatten 24 von 37 Patienten (64,9 Prozent) ihre Anfälle um mindestens ein Viertel reduziert, 18 (48,6 Prozent) um mindestens die Hälfte und 9 (24,3 Prozent) um mindestens drei Viertel. Nach zwölf Monaten lagen die Zahlen bei 22 (59,5 Prozent), 17 (45,9 Prozent) und 3 (8,1 Prozent).
Diese Zahlen verdienen einen genauen Blick. Rund die Hälfte der Erwachsenen war nach einem Jahr Responder, was dem Bereich pädiatrischer Studien entspricht. Der Anteil der sehr guten Responder mit einem Rückgang um 75 Prozent oder mehr sank jedoch zwischen dem sechsten und zwölften Monat deutlich, von etwa einem Viertel auf unter ein Zehntel. Die Studie geht darauf nicht näher ein, aber es erinnert daran, dass frühe Erfolge nicht immer in gleicher Stärke anhalten.
Bei einigen wenigen Patienten wurden die Anfälle kürzer, auch wenn ihre Zahl nicht sank: bei zwei Patienten (5,4 Prozent) nach sechs und bei vier (10,8 Prozent) nach zwölf Monaten.
Die Forscher prüften, ob die Dosis erklärte, wer ansprach und wer nicht. Das war nicht der Fall: Die mediane Erhaltungsdosis unterschied sich statistisch nicht zwischen den Ansprechstufen. Auch die gleichzeitige Einnahme von Clobazam sagte kein 50-Prozent-Ansprechen voraus. Das ist bemerkenswert, weil Clobazam und Cannabidiol chemisch miteinander interagieren und manche Forscher argumentiert haben, ein Teil der Cannabidiol-Wirkung entstehe dadurch, dass es den Clobazam-Spiegel im Blut erhöht. Dieser kleine Datensatz entscheidet die Debatte nicht, stützt aber nicht die These, dass Clobazam die eigentliche Arbeit leistet.
Weniger andere Medikamente
Einer der praktisch bedeutsamsten Befunde betrifft die übrige Medikation. Vor Cannabidiol nahm der mediane Patient vier weitere Antiepileptika ein. Am Ende der Beobachtung waren es drei, eine Veränderung, die die Autoren als statistisch signifikant angeben (p = 0,022).
Für Menschen mit schwerer Epilepsie bringt jedes zusätzliche Medikament eigene Nebenwirkungen, Wechselwirkungen und kognitive Belastungen mit sich. Ein Präparat aus einer Vierfachkombination zu streichen ist kein Detail. Ähnliche Muster wurden auch anderswo beobachtet: Die Autoren verweisen auf ein US-amerikanisches Härtefallprogramm, in dem die Dosen der Begleitmedikamente bei 46 Prozent der Clobazam-Patienten und 52 Prozent der Valproat-Patienten gesenkt wurden (Laux et al., 2019).
Es gibt allerdings einen Haken, den die Autoren selbst benennen. Wenn Ärzte während der Beobachtungszeit andere Medikamente anpassten, könnte ein Teil der Anfallsverbesserung auf diese Anpassungen zurückgehen und nicht auf Cannabidiol. In einer retrospektiven Studie ohne Kontrollgruppe lässt sich beides nicht sauber trennen.
Was den Angehörigen auffiel
Bei 11 von 37 Patienten (29,7 Prozent) berichteten die Familien über Verbesserungen bei Wachheit, Verhalten, Kontaktfähigkeit oder Alltagsfunktionen. Diese Verbesserungen hingen weder mit der Dosis noch mit dem Ausmaß der Anfallsreduktion oder der Zahl abgesetzter Medikamente zusammen.
Die Autoren behandeln dieses Ergebnis mit sichtbarer Zurückhaltung, und das zu Recht. Es ist vollständig subjektiv, wurde ohne validiertes Instrument erhoben, und Familien, die auf eine neue Behandlung hoffen, neigen dazu, Verbesserungen zu sehen. Gleichzeitig verteidigen die Forscher Angehörigenberichte in dieser Patientengruppe mit einem fairen Argument: Die meisten dieser Patienten können keine standardisierten neuropsychologischen Tests absolvieren, und die Menschen, die mit ihnen leben, bemerken Veränderungen, die ein zwanzigminütiger Kliniktermin übersehen würde. Angehörigenberichte werden bei entwicklungsbedingten und epileptischen Enzephalopathien zunehmend als aussagekräftige Endpunkte akzeptiert, und diese Studie folgt dem Trend, ohne zu überhöhen.
Sicherheit: Häufig, aber überwiegend mild
24 von 37 Patienten (64,9 Prozent) erlebten mindestens eine Nebenwirkung. Am häufigsten waren Schläfrigkeit (10 Patienten, 27 Prozent), veränderte Leberwerte (7 Patienten, 18,9 Prozent) und Reizbarkeit (4 Patienten, 10,8 Prozent). Seltener traten Magen-Darm-Beschwerden, Schlaflosigkeit und eine paradoxe Verschlechterung der Anfälle auf (je 2 Patienten, 5,4 Prozent), dazu je ein Fall von gesteigertem Appetit, Appetitverlust und Harnverhalt.
Die Leberwerte verdienen besondere Aufmerksamkeit, weil sie das bekannteste Sicherheitsthema bei pharmazeutischem Cannabidiol sind. In allen sieben Fällen blieb der Anstieg der Leberenzyme unter dem Doppelten des oberen Normwerts, was allgemein als mild gilt. Sechs Fälle bildeten sich ohne Änderung der Behandlung zurück, einer nach Reduktion der Valproinsäure-Dosis, eines Medikaments, das die Leber bekanntermaßen belastet. Kein Patient setzte Cannabidiol wegen der Leberwerte ab, und die Forscher fanden keinen Zusammenhang zwischen Leberauffälligkeiten und der Erhaltungs- oder Höchstdosis.
Sechs Patienten (16,2 Prozent) brachen die Behandlung wegen Nebenwirkungen ab: drei wegen Schläfrigkeit, je einer wegen Schlaflosigkeit, Reizbarkeit, Magen-Darm-Beschwerden und Appetitverlust. Insgesamt beendeten sieben Patienten die Therapie: einer allein wegen fehlender Wirkung, einer allein wegen Nebenwirkungen und fünf aus beiden Gründen.
Ein interessantes Detail zeigt sich beim Dosisvergleich zwischen Patienten mit und ohne Nebenwirkungen. Wer Nebenwirkungen hatte, nahm eine signifikant niedrigere Erhaltungsdosis ein: 7 mg/kg/Tag gegenüber 12,5 mg/kg/Tag. Das klingt paradox, bis man die wahrscheinliche Erklärung bedenkt: Die Ärzte hielten die Dosis bei Patienten, die bereits Nebenwirkungen zeigten, vermutlich bewusst niedrig, oder diese Patienten erreichten nie eine höhere Dosis, weil die Nebenwirkungen zuerst kamen. Es zeigt, warum retrospektive Daten beschreiben können, was geschah, aber nur schwer erklären, warum.
Der deutsche Vergleich: 202 Patienten aus Epilepsiezentren
Für deutsche Leser ist der wichtigste Bezugspunkt eine multizentrische Aktenanalyse aus deutschen Epilepsiezentren, die 2025 in Neurology and Therapy erschien und 202 Patienten mit denselben drei Erkrankungen umfasste (Strzelczyk et al., 2025). Dort lag die Responderrate nach zwölf Monaten bei 44 Prozent, aufgeschlüsselt nach Alter bei 46 Prozent bei Kindern unter sechs Jahren, 53 Prozent bei Sechs- bis Siebzehnjährigen und 37 Prozent bei Erwachsenen ab 18 Jahren. Die spanische Kohorte liegt mit 45,9 Prozent bei Erwachsenen also eher am oberen Rand dessen, was die deutschen Daten für dieselbe Altersgruppe zeigen.
Auch bei den Nebenwirkungen lohnt der Vergleich. In der deutschen Studie traten bei 42 Prozent der Patienten unerwünschte Wirkungen auf, in der spanischen bei 65 Prozent. Ein italienisches Härtefallprogramm meldete 52 Prozent (Iannone et al., 2021), ein US-amerikanisches 91 Prozent, und in den Langzeit-Verlängerungsstudien der Zulassungsprogramme lagen die Raten bei 96 bis 97 Prozent. Die Autoren führen diese Spanne auf unterschiedliche Patientengruppen, unterschiedlich schnelle Dosissteigerung und unterschiedlichen Umgang mit der Begleitmedikation zurück. Die spanischen Zahlen fallen also in den Bereich dessen, was aus der Versorgungspraxis in Europa bereits bekannt ist.
Die Retentionsrate von 81,1 Prozent nach zwölf Monaten liegt über den 61 bis 76 Prozent anderer Versorgungsstudien und deutlich über den 50 bis 62 Prozent der Verlängerungsstudien. Die Autoren vermuten, dass der Klinikalltag, in dem Ärzte Dosis und Begleitmedikation frei anpassen können, schlicht ein nachsichtigeres Umfeld ist als ein starres Studienprotokoll. Alle Abbrüche erfolgten innerhalb der ersten 20 Monate; wer darüber hinaus dabei blieb, blieb in der Regel langfristig, im Median 34 Monate, einzelne fast sechs Jahre.
Die Grenzen, klar benannt
Die Autoren listen sie ehrlich auf, und das sollten auch wir tun. Die Studie ist retrospektiv, kann also nur beschreiben, was mit Patienten geschah, die bereits behandelt wurden. Es gibt keine Kontrollgruppe, also keine Möglichkeit zu wissen, wie es diesen Patienten ohne Cannabidiol ergangen wäre; manche Anfallsmuster schwanken von selbst. 37 Patienten sind eine kleine Stichprobe, und da 34 davon ein Lennox-Gastaut-Syndrom hatten, sagt die Studie über Dravet-Syndrom oder tuberöse Sklerose bei Erwachsenen praktisch nichts aus.
Der Anfallstyp konnte nicht ausgewertet werden. Kognitive und Verhaltensverbesserungen wurden durch Befragung der Familien gemessen, ohne standardisiertes Instrument, und sind nicht reproduzierbar. Änderungen der Begleitmedikation könnten zum Ergebnis beigetragen haben. Die Studie wurde von Jazz Pharmaceuticals finanziert, das Epidyolex vermarktet, und die Autoren legen Forschungsgelder, Beraterhonorare oder Vortragshonorare von Jazz und einem Dutzend weiterer Pharmaunternehmen offen. Auch die medizinische Schreibunterstützung wurde von Jazz bezahlt. Nichts davon bedeutet, dass die Daten falsch sind, aber es ist Kontext, den Leser mitdenken sollten, gerade wenn die Schlussfolgerungen dem Produkt des Sponsors günstig sind.
Wer sich dafür interessiert, wie sich Cannabidiol in anderen Altersgruppen verhält, findet in unserem Beitrag zur CBD-Pharmakokinetik bei älteren Menschen das andere Ende der Lebensspanne.
Was das für Deutschland bedeutet
Epidyolex ist in Deutschland als verschreibungspflichtiges Fertigarzneimittel erhältlich und wird in der Regel von Neurologen oder Epileptologen an spezialisierten Zentren verordnet. Da reines Cannabidiol nicht dem Betäubungsmittelgesetz unterliegt, ist kein Betäubungsmittelrezept nötig. Das Medikament gehört weder in den Anwendungsbereich des Konsumcannabisgesetzes (KCanG), das den privaten Umgang mit THC-haltigem Cannabis regelt, noch in den des Medizinal-Cannabisgesetzes (MedCanG), das die Verordnung von Cannabisblüten und -extrakten ordnet. Es ist ein klassisches Arzneimittel mit europäischer Zulassung, das den Regeln des Arzneimittelgesetzes folgt.
Entscheidend ist die Abgrenzung zu frei verkäuflichen CBD-Produkten. Die in dieser Studie beobachteten Wirkungen betreffen ein Arzneimittel mit definierter Reinheit, gewichtsbezogener Dosierung und regelmäßiger Laborkontrolle, einschließlich Leberwerten. Sie lassen sich nicht auf CBD-Öle, -Kapseln oder -Lebensmittel übertragen. Für Letztere gilt in Deutschland und der EU die Einstufung als neuartiges Lebensmittel (Novel Food): Ohne Zulassung nach der Novel-Food-Verordnung dürfen CBD-haltige Lebensmittel nicht in Verkehr gebracht werden, und eine solche Zulassung liegt bislang nicht vor. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat zudem wiederholt auf Datenlücken zu Leber- und Wechselwirkungsrisiken hingewiesen, die auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) in ihrer Bewertung benannt hat.
Hinzu kommt das Heilmittelwerbegesetz (HWG). Anbieter von CBD-Produkten dürfen in Deutschland nicht mit der Linderung oder Heilung von Krankheiten werben; ein Verweis auf Epilepsiestudien wie diese als Verkaufsargument für ein CBD-Öl wäre unzulässig. Was das im Alltag bedeutet, haben wir am Beispiel der Knochengesundheit ausführlich beschrieben: CBD und Knochengesundheit. Und eine aktuelle Sechs-Länder-Umfrage zeigt, wie weit die Gründe, aus denen Menschen tatsächlich CBD nutzen, von den Indikationen entfernt sind, für die es zugelassen ist.
Wie es weitergeht
Die Autoren fordern prospektive Studien mit größeren Stichproben, Kontrollgruppen, strukturierter Schulung der Angehörigen, standardisierten Anfallskalendern und vorab geplanten Untergruppenanalysen nach Epilepsieursache. Das wären die Studien, die aus diesem Zusammenhang etwas machen könnten, das einem Beweis näherkommt. Bis dahin ist diese Arbeit am besten als das zu lesen, was sie ist: eine sorgfältige Beschreibung, wie es 37 Erwachsenen mit schwerer, pharmakoresistenter Epilepsie über mehrere Jahre unter einer vergleichsweise niedrigen Dosis pharmazeutischen Cannabidiols erging, mit Ergebnissen, die denen bei Kindern sehr ähnlich sehen.
FAQ
Die Responderraten lagen im selben Bereich. Rund 46 Prozent der Erwachsenen hatten nach zwölf Monaten ihre Anfälle mindestens halbiert, verglichen mit 44 bis 49 Prozent in großen pädiatrischen und altersgemischten Versorgungskohorten und 37 Prozent bei den Erwachsenen der deutschen Vergleichsstudie. Die Studie kann nicht beweisen, dass Cannabidiol die Reduktion verursachte, fand aber kein Anzeichen dafür, dass Erwachsene schlechter ansprechen.
Nein. Die Patienten erhielten Epidyolex, ein hochgereinigtes verschreibungspflichtiges Arzneimittel, das nach Körpergewicht dosiert und mit Blutuntersuchungen überwacht wird. Frei verkäufliche CBD-Produkte sind nicht standardisiert, nicht zur Behandlung von Epilepsie zugelassen, und unabhängige Analysen haben wiederholt gezeigt, dass ihr tatsächlicher Cannabidiol-Gehalt von den Angaben auf dem Etikett abweicht.
Schläfrigkeit betraf 27 Prozent der Patienten, veränderte Leberwerte 18,9 Prozent und Reizbarkeit 10,8 Prozent. Die Leberveränderungen blieben alle unter dem Doppelten des Normwerts und bildeten sich zurück, ohne dass das Medikament abgesetzt werden musste. Sechs Patienten (16,2 Prozent) brachen die Behandlung wegen Nebenwirkungen ab, meist wegen Schläfrigkeit. Die Autoren fanden keine Sicherheitsprobleme über das bekannte Profil des Wirkstoffs hinaus.
Nein. Das Heilmittelwerbegesetz verbietet es, für Produkte außerhalb des Arzneimittelrechts mit krankheitsbezogenen Aussagen oder Heilversprechen zu werben. Ein CBD-Öl, das als Lebensmittel, Kosmetikum oder Aromaprodukt verkauft wird, darf nicht mit Wirkungen bei Epilepsie oder Anfällen in Verbindung gebracht werden, auch nicht durch Verweis auf Studien. Die Ergebnisse dieser Arbeit beziehen sich ausschließlich auf das zugelassene Arzneimittel Epidyolex, das nur auf ärztliche Verordnung erhältlich ist. CBD-haltige Lebensmittel benötigen zudem eine Novel-Food-Zulassung, die bislang für kein Produkt erteilt wurde.
Rechtlicher Hinweis
Dieser Artikel ist eine journalistische Zusammenfassung einer veröffentlichten wissenschaftlichen Studie und dient ausschließlich der allgemeinen Information. Er stellt keine medizinische Beratung dar und ersetzt nicht das Gespräch mit einem Neurologen oder einer anderen qualifizierten medizinischen Fachperson. Das hier besprochene Cannabidiol ist ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel, das unter fachärztlicher Aufsicht eingesetzt wird; Menschen mit Epilepsie sollten Antiepileptika niemals ohne ärztliche Anleitung beginnen, absetzen oder verändern. Die Angaben zur Rechtslage beziehen sich auf Deutschland zum Zeitpunkt der Veröffentlichung und können sich ändern. The Cannex bewirbt weder Produkte noch Hersteller, die in diesem Artikel genannt werden, und macht keine krankheitsbezogenen Aussagen zu frei verkäuflichen CBD-Produkten.