Wenn in Deutschland über das Konsumcannabisgesetz gestritten wird, fällt fast immer derselbe Satz: Wer den Zugang erleichtert, erhöht den Konsum. Die Gegenseite antwortet ebenso reflexhaft, legaler Zugang verdränge lediglich den Schwarzmarkt. Belegen lässt sich beides in Deutschland bislang kaum — das KCanG ist seit April 2024 in Kraft, die Datenlage entsprechend dünn. In Kalifornien liegen die Zahlen dagegen inzwischen für acht Jahre vor. Und sie sind für beide Lager unbequem.
Eine neue Auswertung im Journal of Cannabis Research von Jamie Corroon, Gretchen Bandoli und Igor Grant vom Center for Medicinal Cannabis Research der University of California, San Diego, hat die Antworten von 178.836 Erwachsenen aus dem California Health Interview Survey zwischen 2017 und 2024 ausgewertet — ein Jahr vor dem Start des legalen Verkaufs und sieben Jahre danach. Die Arbeit ist frei zugänglich unter https://doi.org/10.1186/s42238-026-00475-z.
Key Takeaways
Über den gesamten Zeitraum blieb der Anteil der erwachsenen Kalifornierinnen und Kalifornier, die im vergangenen Jahr Cannabis konsumiert hatten, statistisch unverändert: 22,1 Prozent im Jahr 2017, 23,5 Prozent im Jahr 2024. Der Konsum im letzten Monat stieg im ersten Verkaufsjahr spürbar von 14,5 auf 17,7 Prozent, sank danach aber wieder auf 15,4 Prozent — kein Unterschied mehr zum Ausgangswert. Die Zahl derer, die überhaupt jemals konsumiert hatten, ging sogar leicht zurück. Auch die Konsumhäufigkeit blieb stabil: Rund vier von zehn Konsumierenden nutzen Cannabis an höchstens fünf Tagen im Monat, rund vier von zehn an zwanzig Tagen oder mehr, und dieses Verhältnis verschob sich über die Jahre nicht. Bewegt hat sich etwas anderes. Der Anteil derjenigen, die rauchen — Joint, Pfeife, Bong —, fiel zwischen 2019 und 2024 von 71,2 auf 58,1 Prozent, während essbare Produkte von 40,3 auf 53,6 Prozent zulegten. Und die Altersverteilung kippte: deutliche Zuwächse bei den 40- bis 59-Jährigen und bei den über 75-Jährigen, während sich bei den 18- bis 25-Jährigen — der Gruppe, um die sich die politische Debatte fast ausschließlich dreht — statistisch nichts veränderte.
Die Zahl, auf die alle gestarrt haben, bewegte sich nicht
Über den gesamten Untersuchungszeitraum gaben etwa ein Viertel aller Erwachsenen an, im vergangenen Jahr konsumiert zu haben, und etwa ein Sechstel im vergangenen Monat. Das sind hohe Werte. Interessant ist aber die Flachheit der Kurve.
Der Jahreskonsum lag vor dem Start der Läden bei 22,1 Prozent und 2024 bei 23,5 Prozent — der Unterschied ist statistisch nicht bedeutsam. Der Monatskonsum sprang 2018, im ersten Jahr mit legalen Verkaufsstellen, tatsächlich nach oben, verharrte dann und landete am Ende wieder auf Ausgangsniveau. Dieser erste Anstieg sieht weniger nach einer dauerhaften Verhaltensänderung aus als nach einem Neuigkeitseffekt, der sich nach ein, zwei Jahren verlief.
Noch überraschender: Der Anteil derer, die jemals im Leben konsumiert hatten, sank von 50,9 auf 47,1 Prozent. Die Autoren führen das vor allem auf den Bevölkerungsaustausch zurück — ältere Jahrgänge mit anderer Konsumbiografie verlassen die Erhebungsgruppe, jüngere rücken nach.
Warum nichts passierte — und warum Deutschland anders liegt
Die naheliegendste Erklärung ist unspektakulär: Kalifornien war längst gesättigt. Medizinisches Cannabis ist dort seit 1996 legal, mehr als zwei Jahrzehnte vor dem ersten Freizeit-Laden. Zwischen einem ausgereiften medizinischen Markt und einem sehr großen illegalen konnte praktisch jede erwachsene Person, die Cannabis wollte, es auch bekommen. Die Läden veränderten den Kassenbon, nicht das Verhalten.
Genau an diesem Punkt lässt sich Kalifornien nur begrenzt auf Deutschland übertragen. Hier gibt es bis heute keinen kommerziellen Verkauf; legal beziehen lässt sich Cannabis nur über Eigenanbau oder Anbauvereinigungen, und die zweite Säule mit lizenzierten Modellprojekten liegt politisch auf Eis. Dass der Schwarzmarkt davon bislang wenig beeindruckt ist, zeigt sich in der Zwischenbilanz der deutschen Legalisierung deutlich genug. Kalifornien beantwortet also nicht die Frage, was das KCanG bewirkt — es beantwortet die engere Frage, was passiert, wenn ein bereits gesättigter Markt zusätzlich einen legalen Verkaufskanal bekommt.
Die Autoren nennen noch eine zweite mögliche Erklärung: Ein Teil des Konsums könnte sich auf berauschende Hanfprodukte verlagert haben, die seit dem US-Farm-Bill von 2018 außerhalb lizenzierter Läden verkauft werden. Wer ein Delta-8-Gummibärchen an der Tankstelle kauft, taucht in einer Umfrage, die nach „Marihuana oder Haschisch“ fragt, womöglich gar nicht auf. Ein Teil der flachen Kurve könnte also eine Messlücke sein.
Die eigentliche Verschiebung: weg vom Verbrennen
Hier bewegen sich die Daten wirklich. Unter den Konsumierenden des vergangenen Monats fiel der Anteil der Rauchenden zwischen 2019 und 2024 von 71,2 auf 58,1 Prozent. Dreizehn Prozentpunkte in fünf Jahren, und zwar bei der bekanntesten Konsumform überhaupt.
Bemerkenswert ist, wohin dieser Anteil nicht wanderte: Der Anteil der Vaporisierenden lag 2019 und 2024 praktisch identisch bei rund 38 Prozent, Blunts blieben unverändert, Dabbing ging leicht zurück. Es war also kein Wechsel von einer Inhalationsform zur nächsten, sondern ein teilweiser Ausstieg aus der Inhalation.
Ob die Alternativen tatsächlich schonender sind, ist eine offene Frage — und keine, die diese Studie beantwortet. Sie hat Verhalten gemessen, keine Gesundheitsdaten. Eine Laboruntersuchung, die Vape-Aerosol, Zigaretten- und Cannabisrauch direkt an Zahnfleischzellen verglichen hat, deutet eher darauf hin, dass die verbreitete Annahme vom harmlosen Umstieg genauer geprüft werden sollte.
Essbares übernahm — was in Deutschland rechtlich gar nicht möglich wäre
Den Platz, den das Rauchen frei machte, füllten überwiegend Lebensmittel. Der Anteil essbarer Produkte stieg unter den Konsumierenden von 40,3 auf 53,6 Prozent. Cannabishaltige Getränke blieben mit rund acht Prozent eine Nische, gelten in den USA aber als die am schnellsten wachsende Kategorie.
Für deutsche Leserinnen und Leser ist genau dieser Befund der interessanteste — weil er sich hier nicht wiederholen kann. Das KCanG erlaubt Besitz und Eigenanbau, aber keine Herstellung oder Abgabe von THC-haltigen Lebensmitteln; Anbauvereinigungen dürfen ausschließlich Cannabisblüten und Haschisch an Mitglieder abgeben. Für CBD-haltige Lebensmittel gilt zudem der Novel-Food-Status auf EU-Ebene, über den die EFSA weiterhin keine abschließende Sicherheitsbewertung vorgelegt hat, und das BfR hat für THC-Rückstände in Lebensmitteln eigene Richtwerte formuliert. Wer in Deutschland „Edibles“ im Regal sieht, sieht in aller Regel entweder Hanfsamenprodukte ohne relevanten Cannabinoidgehalt oder ein Produkt in einer rechtlichen Grauzone.
Die kalifornische Verschiebung ist damit vor allem eine Marktbeobachtung: Ein regulierter, kommerzieller Markt verkauft lieber verpackte, dosierungsgekennzeichnete Ware als lose Blüten, und Konsumierende greifen zu etwas, das nicht das ganze Treppenhaus informiert. Beides zog in dieselbe Richtung.
Wichtig bleibt der pharmakologische Unterschied: Essbares wirkt verzögert, der Höhepunkt kann zwei bis drei Stunden auf sich warten lassen. Das Nachlegen vor Wirkungseintritt ist die mit Abstand häufigste Ursache für unangenehme Erfahrungen mit solchen Produkten.
Nicht die Jugend, sondern die Großeltern
Der demografische Befund dürfte in der deutschen Debatte am meisten überraschen.
Bei den 40- bis 59-Jährigen stieg der Monatskonsum von 10,7 Prozent im Jahr 2017 auf 14,5 Prozent im Jahr 2024. Bei den über 75-Jährigen mehr als verdoppelte er sich, von 2,4 auf 5,5 Prozent. Bei den 18- bis 25-Jährigen dagegen ergab der Vergleich 2017 gegen 2024 keine statistisch bedeutsame Veränderung — ebenso wenig bei den 26- bis 39-Jährigen und den 60- bis 74-Jährigen.
Vorsicht ist trotzdem angebracht, und die Autoren formulieren sie selbst. Die Altersgruppe 18 bis 25 mischt Personen, die in Kalifornien legal kaufen durften (ab 21), mit solchen, die es nicht durften. Und die Erhebung betrifft ausschließlich Erwachsene — über Jugendliche sagt sie nichts. Der deutsche Gesetzgeber hat an dieser Stelle anders differenziert und für 18- bis 21-Jährige in Anbauvereinigungen eigene Mengen- und THC-Grenzen festgelegt.
Interessant ist der Alterstrend vor allem als Muster: Der Zuwachs findet am oberen Ende der Altersskala statt. Die Studienautoren verweisen auf vergleichbare Befunde aus anderen Bundesstaaten und vermuten wachsendes Interesse an gesundheitsbezogenen Anwendungen. Ein ähnlicher Zug ist in Deutschland auf einem ganz anderen Weg sichtbar — nicht über Freizeitkonsum, sondern über das MedCanG und den rasanten Anstieg medizinischer Cannabisverordnungen seit 2024.
Nach Ethnie betrachtet gab es nur bei weißen Erwachsenen einen signifikanten Anstieg, von 17,8 auf 20,5 Prozent. Bei allen anderen erfassten Gruppen blieben die Werte statistisch unverändert.
Woher der Stoff kam: der lizenzierte Laden gewann
Unter den ab 2021 befragten Konsumierenden nannten rund 77 Prozent einen lizenzierten Laden als Bezugsquelle — weit vor Familie und Freunden mit 23 Prozent, Lieferdiensten mit 13 Prozent und Eigenanbau mit 5,5 Prozent. Dieser Anteil blieb über die Jahre stabil.
Das ist der wohl klarste Befund für die Regulierungsdebatte: Wenn ein legaler Kanal existiert und erreichbar ist, wird er auch genutzt. Genau daran hakt es in Deutschland derzeit, wo der legale Bezugsweg für viele mit Wartezeiten, Mitgliedschaft oder eigenem Anbau verbunden ist.
Was die Studie nicht sagt
Seriöse Wissenschaft benennt ihre Grenzen, und diese Arbeit tut das ungewöhnlich offen.
Es handelt sich um eine beschreibende Querschnittsuntersuchung über mehrere Jahre. Sie kann keine Kausalität begründen. Nichts hier belegt, dass die Legalisierung irgendeine der beobachteten Veränderungen verursacht oder verhindert hat. Hinzu kommt, dass die Erhebung 2019 ihre eigene Methodik umgestellt hat — vom Telefoninterview auf ein adressbasiertes Verfahren mit Online-Anteil. Da der frühe Anstieg vor und das Plateau nach dieser Umstellung liegt, könnte ein Teil des Kurvenverlaufs methodisch bedingt sein. Die Corona-Pandemie fällt mitten in den Zeitraum. Die Rücklaufquoten lagen zwischen 3,4 und 7,4 Prozent, alle Angaben beruhen auf Selbstauskunft.
Und „Kalifornien hat legalisiert“ ist selbst eine Verkürzung: Laut einem in der Arbeit zitierten Bericht der kalifornischen Aufsichtsbehörde untersagen 54 Prozent der Kommunen kommerzielle Cannabisaktivitäten und 57 Prozent jeglichen Einzelhandel. Landesweite Mittelwerte vermischen also Menschen mit einem Laden um die Ecke und Menschen ohne legale Bezugsquelle im Umkreis von einer Autostunde.
Ein Interessenkonflikt gehört offen genannt: Der Erstautor sitzt im vergüteten Aufsichtsgremium eines Herstellers hanfbasierter CBD-Produkte, was die Arbeit selbst deklariert. Die beiden Koautoren geben keine Interessenkonflikte an, und die zugrunde liegenden Umfragedaten sind öffentlich zugänglich.
FAQ
Auf Ebene der erwachsenen Gesamtbevölkerung nicht messbar. Der Jahreskonsum blieb zwischen 2017 und 2024 statistisch unverändert, der Monatskonsum kehrte nach einem anfänglichen Anstieg auf das Ausgangsniveau zurück. Da es sich um eine beschreibende Studie handelt, lässt sich daraus allerdings kein Ursache-Wirkung-Schluss ziehen — weder in die eine noch in die andere Richtung.
Nur eingeschränkt. Kalifornien hatte vor dem legalen Verkauf mehr als zwanzig Jahre medizinische Legalisierung und einen sehr großen bestehenden Markt. Deutschland hat mit dem KCanG bislang keinen kommerziellen Verkauf eingeführt, die Modellprojekte der zweiten Säule sind politisch offen. Die Studie zeigt, was in einem gesättigten Markt mit Einzelhandel geschah — nicht, was ein anderes Regulierungsmodell bewirkt.
Nein. Das Konsumcannabisgesetz erlaubt Besitz und Eigenanbau im gesetzlichen Rahmen sowie die Abgabe von Blüten und Haschisch durch Anbauvereinigungen an ihre Mitglieder — nicht die Herstellung oder den Verkauf THC-haltiger Lebensmittel. Für CBD-haltige Lebensmittel gilt zusätzlich der ungeklärte Novel-Food-Status auf EU-Ebene. Wer konkrete Fragen zur Rechtslage hat, sollte sich anwaltlich beraten lassen; die Regelungen unterscheiden sich zudem in Details zwischen den Bundesländern.
Das folgt daraus nicht. Die Studie hat Konsumformen erfasst, keine gesundheitlichen Folgen. Essbare Produkte bringen eigene Risiken mit sich, insbesondere die verzögerte Wirkung und damit die Gefahr der Überdosierung. Keine Konsumform gilt als risikofrei. Wer Vorerkrankungen hat oder Medikamente einnimmt, sollte das ärztlich abklären.
Disclaimer
Dieser Beitrag dient ausschließlich Informations- und Bildungszwecken. Er fasst veröffentlichte wissenschaftliche Forschung zusammen und stellt weder eine medizinische, rechtliche noch sonstige fachliche Beratung dar; ebenso wenig ist er eine Aufforderung zum Konsum von Cannabis oder anderen Substanzen. Es werden keine Heilversprechen oder Wirkaussagen im Sinne des Heilmittelwerbegesetzes gemacht. Die beschriebene Untersuchung ist rein beschreibend angelegt und kann keine Ursache-Wirkung-Zusammenhänge belegen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen für Cannabis unterscheiden sich erheblich zwischen Staaten, Bundesländern und Kommunen; die Kenntnis der jeweils geltenden Vorschriften liegt in der Verantwortung der Leserinnen und Leser. Bei Fragen zur eigenen Gesundheit, zu Medikamenten oder zur individuellen Rechtslage sollte qualifizierter fachlicher Rat eingeholt werden.