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Boom bei Medizinalcannabis in Deutschland: Rekordimporte, eine 250-Millionen-Übernahme und Streit um das Online-Rezept

Zwei Jahre nachdem Deutschland Cannabis aus dem Betäubungsmittelrecht gestrichen hat, ist der hiesige Medizinalcannabis-Markt der größte in Europa und einer der am schnellsten wachsenden weltweit. Die Importe haben sich 2025 mehr als verdoppelt, die Preise für Patientinnen und Patienten sind gesunken, und ein kanadischer Produzent hat bis zu 250 Mio. € für eines der bekanntesten Berliner Cannabisunternehmen gezahlt. Gleichzeitig will die Union die Teillegalisierung für Erwachsene von 2024 rückgängig machen, und ein Gesetzentwurf, der die meisten Online-Rezepte beenden würde, liegt seit zehn Monaten im Bundestag.

Dieser Beitrag erschien erstmals im Februar 2026 und wurde um die Importzahlen für das Gesamtjahr, den Abschluss der Übernahme von Sanity Group durch Organigram und den aktuellen Stand des Telemedizin-Gesetzes ergänzt.

Das Wichtigste in Kürze

Deutschland hat 2025 rund 201 Tonnen Medizinalcannabis importiert, nach etwa 73 Tonnen im Jahr 2024. Das geht aus Daten des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hervor. Auslöser des Wachstums war das Cannabisgesetz vom April 2024, das Medizinalcannabis aus dem Betäubungsmittelgesetz herausgelöst und die Verschreibung, auch per Telemedizin, deutlich vereinfacht hat. Der kanadische Konzern Organigram hat die Übernahme der Berliner Sanity Group im April 2026 abgeschlossen, bei einer Bewertung von bis zu 250 Mio. €. Die CDU hat im Februar per Parteitagsbeschluss die Rücknahme der Legalisierung für Erwachsene gefordert, und der Regierungsentwurf, der einen persönlichen Arztkontakt vorschreiben und den Versand verbieten soll, ist noch nicht verabschiedet. Medizinalcannabis bleibt auf Rezept legal.

Warum der Markt so schnell gewachsen ist

Der Wendepunkt war der 1. April 2024. Mit dem Cannabisgesetz (CanG) wurden der begrenzte Besitz und der private Eigenanbau für Erwachsene im Konsumcannabisgesetz (KCanG) erlaubt. Ein eigenes Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG) stufte Cannabis zu medizinischen Zwecken zugleich als gewöhnliches verschreibungspflichtiges Arzneimittel statt als Betäubungsmittel ein. Ärztinnen und Ärzte brauchten seitdem kein BtM-Rezept mehr, und Online-Praxen konnten nach einer Videosprechstunde oder einer fragebogenbasierten Konsultation elektronische Rezepte ausstellen.

Am stärksten wuchsen private Plattformen. Die Bloomwell Group, die Telemedizin- und Apothekendienstleistungen betreibt, meldete in ihrem Cannabis-Barometer, dass die Verordnungen in ihren Daten zwischen Anfang 2024 und Ende 2025 um rund 3.300 Prozent gestiegen sind. Laut demselben Bericht wuchs das Angebot an verfügbaren Sorten von etwa 470 zu Beginn des Jahres 2025 auf etwa 720 im Dezember; nicht bestrahlte Blüten machten rund 90 Prozent des Absatzes aus. Bloomwell-Mitgründer Niklas Kouparanis bezeichnete den Markt als widerstandsfähig; er liefere weiterhin sicheres und verlässliches Medizinalcannabis.

Der Wettbewerb drückte die Preise. In den Bloomwell-Daten fiel der durchschnittliche Grammpreis für Blüten von 8,33 € im Januar 2025 auf 5,23 € im Dezember. Die meisten Patientinnen und Patienten zahlen diese Preise selbst: Die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) übernahmen Cannabis nur nach einem gesonderten Antrag und für einen deutlich kleineren Personenkreis, und seit dem 30. Juli 2026 erstatten sie Cannabisblüten gar nicht mehr, sondern nur noch standardisierte Extrakte, Dronabinol und Nabilon.

Rekordimporte – und warum sich die Zahlen ständig verschieben

Deutschland baut nur einen kleinen Teil des benötigten Medizinalcannabis selbst an, deshalb sind die Importe der beste Gradmesser für die Nachfrage. Nach BfArM-Daten, die das Fachportal StratCann ausgewertet hat, wurden 2025 rund 201,1 Tonnen eingeführt, nach rund 72,9 Tonnen im Vorjahr. Kanada lieferte etwa 93 Tonnen und damit knapp die Hälfte, Portugal etwa 55 Tonnen, wobei ein großer Teil davon kanadische Ware war, die in portugiesischen Betrieben verarbeitet wurde. Dänemark und Malta folgten mit großem Abstand.

Bei den Quartalszahlen ist Vorsicht geboten. Als das BfArM die Importe für das erste Quartal 2026 erstmals veröffentlichte, sah es nach dem ersten Rückgang seit zwei Jahren aus. Später korrigierte die Behörde den Wert um 17 Tonnen nach oben – damit war es das stärkste Quartal aller Zeiten, wie wir in unserem Bericht über die Korrektur der deutschen Cannabisimporte durch das BfArM erläutert haben. Erste Zahlen sind regelmäßig unvollständig, weil Importeure ihre Meldungen verspätet einreichen.

Der größte Deal: Organigram kauft Sanity Group

Der Boom lockt nordamerikanisches Kapital an. Im Februar 2026 vereinbarte Organigram Global, ein kanadischer Produzent, hinter dem British American Tobacco (BAT) steht, die Übernahme der Sanity Group, die Finn Age Hänsel 2018 in Berlin gegründet hatte. BAT, an beiden Unternehmen beteiligt, sagte zu, 65,2 Mio. kanadische Dollar in Organigram zu investieren und für seinen Anteil an Sanity Aktien statt Bargeld zu nehmen.

Abgeschlossen wurde die Transaktion im April 2026. Nach Angaben der Sanity Group wurde das Unternehmen mit 130 Mio. € im Voraus bewertet; hinzu kommt ein Earn-out von bis zu 120 Mio. €, der an Leistungsziele in den zwölf Monaten bis zum 1. April 2027 geknüpft ist. Insgesamt sind damit bis zu 250 Mio. € möglich. Bei der Ankündigung war der Earn-out an einen Nettoumsatz von 143 Mio. € und ein positives EBITDA gebunden. Es ist die bislang größte Übernahme eines deutschen Cannabisunternehmens durch einen nordamerikanischen Konzern.

Zu den Marken von Sanity gehören Vayamed, avaay Medical und ZOIKS im Bereich Medizinalcannabis sowie Endosane Pharmaceuticals für Fertigarzneimittel. Organigram-Chef James Yamanaka, früher Stratege bei BAT, sagte, Sanity habe „eine führende Position in Deutschland und Europa aufgebaut“ (aus dem Englischen übersetzt). Das Unternehmen will nach Großbritannien, Polen, Tschechien und in die Schweiz expandieren.

Der politische Gegenwind

Der Markt ist unter einer Regierung gewachsen, die ihn nicht geschaffen hat. Die Reform von 2024 hatte noch die Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP beschlossen. Seit 2025 regieren CDU/CSU und SPD, und die Union hat die Legalisierung für Erwachsene nie akzeptiert.

Im Februar 2026 nahm die CDU auf ihrem Bundesparteitag in Stuttgart einen Antrag ihrer Frauen Union an, der die Aufhebung des Gesetzes von 2024 und ein erneutes Verbot von Besitz, Anbau und Handel fordert. Vorsitzende der Frauen Union ist Bundesgesundheitsministerin Nina Warken, die mit Blick auf erste Auswertungen des Gesetzes von besorgniserregenden Tendenzen spricht. Dieselbe Forderung erhob die bayerische Gesundheitsministerin Judith Gerlach (CSU). Für eine Rücknahme bräuchte es allerdings die SPD, die die Reform bislang verteidigt, und viele Suchtforscherinnen und Suchtforscher warnen, eine Rückkehr zum Verbot würde den Markt wieder den Dealern überlassen. Eine große Befragungsstudie zum Cannabiskonsum in Deutschland nach der Teillegalisierung fand in den zwei Jahren nach der Reform keinen Anstieg des Konsums.

Das Telemedizin-Gesetz: weiter blockiert

Die unmittelbarere Gefahr für den medizinischen Markt geht von einem enger gefassten Vorhaben aus. Im Oktober 2025 beschloss das Bundeskabinett eine Änderung des Medizinal-Cannabisgesetzes, nach der eine Erstverschreibung nur noch nach einem persönlichen Kontakt in der Arztpraxis zulässig wäre. Folgerezepte ohne neuen Praxisbesuch wären nur erlaubt, wenn dieselbe Ärztin oder derselbe Arzt die Person innerhalb der vorangegangenen vier Quartale persönlich gesehen hat. Hinzu käme ein Versandverbot für Medizinalcannabis; eine Lieferung wäre nur noch über den apothekeneigenen Botendienst möglich.

Das Bundesgesundheitsministerium sieht in steigenden Importen und Fernbehandlungen Hinweise auf Missbrauch. Die Branche hält dagegen, die Änderung würde Patientinnen und Patienten auf dem Land abschneiden und andere zurück auf den Schwarzmarkt treiben. Julian Wichmann, Arzt und Mitgründer der Bloomwell Group, argumentiert, dass Cannabis für viele Betroffene stärker abhängig machende Opioide oder Schlafmittel ersetze.

Die erste Lesung im Bundestag fand am 18. Dezember 2025 statt, anschließend wurde der Entwurf an den Gesundheitsausschuss überwiesen. Die für das Frühjahr erwarteten Schlussabstimmungen blieben aus, und bis zum Herbst 2026 ist kein Termin angesetzt. Solange sich das Gesetz nicht ändert, bleiben Online-Rezepte und der Versand legal. Damit unterscheidet sich der deutsche Weg deutlich von vorsichtigeren Nachbarn: In Großbritannien etwa werden nach wie vor weit weniger Rezepte ausgestellt, wie aktuelle Verordnungsdaten des NHS und privater Anbieter zeigen.

Worauf es jetzt ankommt

Drei Faktoren entscheiden über das kommende Jahr. Erstens das Telemedizin-Gesetz: Wird es in der jetzigen Form verabschiedet, müssen die Plattformen, die das Wachstum getragen haben, ihr Modell auf persönliche Versorgung umstellen. Zweitens die offizielle Evaluation des Cannabisgesetzes, die beiden Seiten der Debatte um eine Rücknahme Argumente liefert. Drittens die Konsolidierung: Sinkende Preise drücken die Großhandelsmargen, was große, finanzstarke Gruppen wie das neue Gespann aus Organigram und Sanity begünstigt.

FAQ

Ist medizinisches Cannabis in Deutschland legal, und darf es online verschrieben werden?

Ja. Seit April 2024 ist Medizinalcannabis nach dem Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG) ein normales verschreibungspflichtiges Arzneimittel. Rezepte über Telemedizin und der Versand durch Apotheken sind derzeit erlaubt. Ein Gesetzentwurf der Bundesregierung würde einen persönlichen Erstkontakt vorschreiben und den Versand verbieten, ist aber noch nicht beschlossen. Besitz und Eigenanbau für Erwachsene sind innerhalb fester Grenzen nach dem separaten Konsumcannabisgesetz (KCanG) legal.

Wie viel Medizinalcannabis importiert Deutschland?

Nach BfArM-Daten rund 201 Tonnen im Jahr 2025, nach etwa 73 Tonnen im Jahr 2024. Größter Lieferant war Kanada, gefolgt von Portugal. Quartalszahlen werden nach der ersten Veröffentlichung häufig nach oben korrigiert.

Hat Organigram die Übernahme der Sanity Group abgeschlossen?

Ja. Die Transaktion wurde im April 2026 abgeschlossen. Die Sanity Group wurde mit 130 Mio. € im Voraus bewertet; abhängig von der Geschäftsentwicklung in den zwölf Monaten bis April 2027 können bis zu 120 Mio. € hinzukommen.

Wird Deutschland die Cannabis-Legalisierung zurücknehmen?

Vorerst nicht. Die CDU hat im Februar 2026 die Aufhebung gefordert, doch der Koalitionspartner SPD trägt das nicht mit, und im Bundestag liegt kein Gesetzentwurf zur Rücknahme vor. Das laufende Gesetzgebungsverfahren betrifft nur die Verschreibung und Abgabe von Medizinalcannabis.

Hinweis

Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine medizinische, rechtliche oder Anlageberatung dar. Die Cannabisgesetzgebung in Deutschland ist Gegenstand einer laufenden politischen Debatte und kann sich ändern. Patientinnen und Patienten sollten eine Behandlung mit einer qualifizierten Ärztin oder einem qualifizierten Arzt besprechen; wer geschäftliche oder finanzielle Entscheidungen trifft, sollte fachlichen Rat einholen.

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