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Cannabis und Stillen

Cannabis und Stillen: Forschende finden Rauch-Schadstoffe im Urin von Babys – was das wirklich bedeutet

Seit dem Inkrafttreten des Konsumcannabisgesetzes (KCanG) im April 2024 ist Cannabis für Erwachsene in Deutschland legal zugänglich – angebaut in den eigenen vier Wänden oder bezogen über eine Anbauvereinigung. Mit der Legalität wächst auch eine trügerische Gewissheit: dass ein bisschen Gras schon nicht schaden werde, auch nicht in der Stillzeit. Die Wissenschaft hat darauf lange nur mit einem Achselzucken geantwortet. Man wusste, dass THC in die Muttermilch übergeht. Ob aber auch die übrigen, chemisch weit unangenehmeren Begleitstoffe des Cannabisrauchs beim Säugling ankommen, war schlicht unerforscht.

Eine neue Untersuchung hat genau dort nachgesehen, wo es am direktesten geht: in der Windel. Forschende der Washington State University haben gemeinsam mit der US-Gesundheitsbehörde CDC den Urin ausschließlich gestillter Säuglinge analysiert, deren Mütter Cannabis konsumieren, und ihn auf sogenannte flüchtige organische Verbindungen (englisch VOC) untersucht. Die am 15. Juli 2026 im International Journal of Environmental Research and Public Health veröffentlichten Ergebnisse stammen aus der Lactation and Cannabis (LAC) Study und sind die ersten ihrer Art – und differenzierter, als es sowohl das Alarm-Lager als auch die „alles halb so wild“-Fraktion gern hätten.

Das Wichtigste in Kürze

Die Kurzfassung, bevor wir ins Detail gehen. Im Urin gestillter Babys, deren Mütter Cannabis konsumieren, wiesen die Forschenden 24 verschiedene rauchbedingte Abbauprodukte nach, und die Werte vieler davon stiegen nach dem Konsum der Mutter an – verglichen mit einer Ausgangsmessung nach mindestens zwölf Stunden ohne Cannabis. Zwei dieser Abbauprodukte stammen von bekannten Karzinogenen, nämlich Acrylnitril und Acrylamid, denselben Stoffen, die auch im Zigarettenrauch stecken. Ihre Konzentration hing eng damit zusammen, wie viel THC in der Muttermilch enthalten war. Entscheidend: Bei Babys, deren Mütter rauchten, lagen die Werte deutlich höher als bei jenen, deren Mütter ausschließlich verdampften. Bevor jemand in Panik verfällt, zählen jedoch zwei Dinge enorm: Die Studie war sehr klein (weniger als zwanzig Mutter-Kind-Paare), und die gemessenen Mengen lagen sogar unter dem US-Durchschnitt für ältere Kinder. Die Forschenden betonen ausdrücklich, dass sich daraus noch keine Aussage über Sicherheit oder Gefahr ableiten lässt. Dies ist eine erste Leuchtrakete in einen dunklen Raum, kein Urteil.

Was die Forschenden tatsächlich gemacht haben

Der Aufbau war bestechend einfach. Zwanzig stillende Mütter in Washington und Oregon, allesamt regelmäßige Cannabiskonsumentinnen mit Säuglingen unter sechs Monaten, nahmen teil. An einem Studientag lieferte jede Mutter zunächst einen „sauberen“ Ausgangswert: eine Milch- und eine Urinprobe, gewonnen nach mindestens zwölf Stunden ohne jeden Cannabiskonsum. Danach konsumierte sie so, wie sie es normalerweise tut – mit ihrem eigenen Produkt, ihrer eigenen Methode, ohne von der Studie gestellte Ware. Über die folgenden acht bis zwölf Stunden sammelte sie mehrere weitere Milch- und Urinproben.

Säuglingsurin zu gewinnen ist keine glamouröse Wissenschaft. Die Mütter legten frische Windeln mit sterilen Wattebäuschen aus, kontrollierten sie fortlaufend und überführten die Ausbeute in winzige Röhrchen, die direkt ins heimische Gefrierfach wanderten, bevor sie auf Eis in ein CDC-Labor transportiert wurden. Am Ende schafften es 65 Urinproben von 19 Mutter-Kind-Paaren durch die Qualitätskontrolle in die Auswertung.

Die Stoffe, die niemand im Kinderzimmer haben will

Mit hochempfindlicher Massenspektrometrie fanden die Forschenden 24 von 32 gesuchten VOC-Abbauprodukten in nachweisbarer Menge. Fünfzehn davon lagen nach dem Konsum der Mutter höher als in der sauberen Ausgangsprobe. Bei jedem einzelnen Säugling war mindestens eine Urinprobe mit nachweisbaren Werten dabei – ein Hinweis darauf, dass eine gewisse Belastung mit solchen Verbindungen in der modernen Umwelt schlicht Alltag ist.

Zwei Abbauprodukte rückten in den Mittelpunkt. Das erste, kurz 2CyEMA, entsteht im Körper nach Kontakt mit Acrylnitril – einem Karzinogen, das zur Herstellung von Kunststoffen und synthetischem Kautschuk dient und ein bekannter Bestandteil von Tabakrauch ist. Das zweite, 2CaEMA, ist der Fingerabdruck von Acrylamid, ebenfalls krebserregend und aus dem Zigarettenrauch bekannt (kurioserweise entsteht es auch beim starken Bräunen von Lebensmitteln wie Pommes oder Toast). Beide stiegen nach dem mütterlichen Cannabiskonsum an, und beide nahmen parallel zur THC-Menge in der Muttermilch zu. Statistisch heißt das: je mehr THC in der Milch, desto mehr dieser Karzinogen-Abbauprodukte im Kind.

Rauchen oder Verdampfen: Wo der Unterschied sichtbar wird

Das ist der Befund mit dem klarsten Bezug zum Alltag – und gerade für Deutschland relevant, wo unter dem KCanG selbst angebaute Blüten in aller Regel geraucht werden. Säuglinge von Müttern, die am Studientag rauchten, wiesen im Schnitt rund 89 Prozent höhere Werte des Acrylnitril-Abbauprodukts auf als Säuglinge von Müttern, die ausschließlich verdampften. Beim Acrylamid-Abbauprodukt zeigte sich dasselbe Muster.

Die Chemie dahinter leuchtet unmittelbar ein. Bei der Verbrennung – dem tatsächlichen Verbrennen von Pflanzenmaterial – entstehen weit höhere Temperaturen als beim Verdampfen, und genau diese Hitze schmiedet Stoffe wie Acrylnitril und Acrylamid überhaupt erst zusammen. Verdampfen erhitzt das Cannabis unterhalb jener Schwelle, ab der ein Großteil dieser Schadstoffe gebildet wird, sodass weniger davon im Aerosol, im Blut und offenbar auch im Kind landet. Es ist ein Muster, das man vom Tabak kennt, und es fügt sich in das größere Bild ein, wie Konsumierende Rauchen, Verdampfen und andere Methoden zunehmend kombinieren – jede mit ihrer eigenen chemischen Signatur. <!– REDAKTION – NICHT VERÖFFENTLICHEN: Interner Link verweist vorläufig auf die englische URL. Vor Veröffentlichung auf den DE-Slug umstellen, sobald verfügbar, z. B. /de/junge-amerikaner-nikotin-tabak-cannabis-studie/ – tatsächlichen übersetzten Slug prüfen. –>

Dass diese Unterscheidung so deutlich ausfällt, spiegelt zugleich einen breiteren Wandel bei den Konsumformen wider, weg von der reinen Verbrennung und hin zu inhalierten und verdampften Anwendungen sowie zu Edibles. <!– REDAKTION – NICHT VERÖFFENTLICHEN: Interner Link verweist vorläufig auf die englische URL. Vor Veröffentlichung auf den DE-Slug umstellen, sobald verfügbar, z. B. /de/inhaliertes-cannabis-diabetische-neuropathie-schmerzen/ – Slug prüfen. –>

Einschränkend gilt: Die Gruppe der ausschließlich Verdampfenden war winzig – nur zwei Mütter –, weshalb dieser Vergleich, so eindrücklich er ist, auf dünner Datenbasis steht.

Der Kontext, den die Schlagzeilen überspringen

Nun zu dem Teil, der die Sache ehrlich hält. Als die Forschenden die VOC-Werte ihrer Säuglinge mit nationalen Referenzdaten der CDC verglichen, fanden sie etwas Beruhigendes: Bei der Mehrzahl der 32 gemessenen Verbindungen lag der US-Durchschnitt für Kinder zwischen drei und fünf Jahren mindestens 40 Prozent höher als bei diesen Säuglingen. Anders gesagt schwammen die untersuchten Babys – gemessen an diesem zugegeben unvollkommenen Maßstab – nicht in einer Chemikaliensuppe. Ihre Belastung war real, aber eher am unteren Ende.

Man sollte auch nicht vergessen, warum so viele frisch gebackene Mütter überhaupt zu Cannabis greifen. Die Wochen nach der Geburt bringen Schmerzen, Erschöpfung, Ängste und Schlaflosigkeit, und Cannabis gilt vielen – nicht immer zutreffend – als risikoarmer Weg, damit umzugehen. Diese Wahrnehmung befeuert den steigenden Konsum in der Stillzeit, und sie erklärt, warum immer mehr Erwachsene bei Schlaf- und Stressproblemen zu Cannabis greifen. Die Abwägungen verständlich zu machen, statt pauschale Warnungen auszurufen, ist genau das, was Studien wie diese ermöglichen sollen.

Was die Studie NICHT sagt

Die Autorinnen und Autoren verdienen Anerkennung dafür, wie deutlich sie die Grenzen ihrer Arbeit benennen, und jede seriöse Darstellung muss das aufgreifen. Erstens war die ursprüngliche LAC-Studie nie darauf ausgelegt, VOC-Belastungen zu messen; das Team konnte andere Quellen daher nicht ausschließen – Passivrauch anderer Personen im Haushalt, Rückstände auf Oberflächen (sogenannter Dritthandrauch) oder auch die Ernährung. Der Urin eines Babys verrät nicht, ob eine Substanz über die Muttermilch, über die Luft oder vom Sofakissen kam.

Zweitens fehlte eine Vergleichsgruppe von Säuglingen, deren Mütter kein Cannabis konsumieren, was es unmöglich macht, den Konsum mit letzter Sicherheit als Ursache zu isolieren. Drittens war die Stichprobe klein, und die Mütter verwendeten höchst unterschiedliche Produkte in höchst unterschiedlicher Dosierung, sodass sich daraus keine saubere Formel nach dem Muster „X Menge Cannabis ergibt Y Risiko“ ableiten lässt. Und viertens – der wichtigste Punkt – weiß niemand, was diese konkreten Mengen mit einem sich entwickelnden Säugling anstellen. Acrylnitril und Acrylamid werden bei Erwachsenen nach langfristiger Belastung mit Krebs in Verbindung gebracht; welche gesundheitliche Bedeutung die hier gemessenen Spuren in diesem Lebensabschnitt haben, ist schlicht unbekannt.

Was das für Eltern in Deutschland bedeutet

Kein Grund zur Panik, aber auch kein Freibrief. Die Studie liefert einen ersten belastbaren Hinweis, dass die Chemie des Cannabisrauchs – nicht nur dessen THC – ein gestilltes Kind erreichen kann und dass die Konsumform dabei eine Rolle spielt. Für eine Mutter, die ihre Optionen abwägt, ist der Unterschied zwischen Rauchen und Verdampfen ein konkreter Datenpunkt, auch wenn die Wissenschaft darunter noch jung ist.

Wichtig ist, das KCanG richtig einzuordnen: Es regelt die Legalität des Erwachsenenkonsums, trifft aber keinerlei Aussage darüber, dass Cannabis in Schwangerschaft oder Stillzeit unbedenklich wäre. Die Nationale Stillkommission am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sowie gynäkologische und pädiatrische Fachgesellschaften raten unverändert von Cannabiskonsum während des Stillens ab und verweisen dabei genau auf jene Unbekannten, die diese Studie auslotet. An dieser Empfehlung ändert die Arbeit nichts. Was sich geändert hat: Das Feld „unbekannte VOC-Belastung“ auf der Risikolandkarte trägt nun erstmals reale Zahlen – kleine Zahlen, aber Zahlen – und einen klaren nächsten Schritt: größere Studien mit Kontrollgruppen, die endlich klären können, ob all das für die langfristige Gesundheit eines Kindes von Bedeutung ist.

Häufige Fragen

Beweist diese Studie, dass Cannabis in der Muttermilch Babys schadet?

Nein, und die Autorinnen und Autoren sind darin unmissverständlich. Belegt ist nur, dass sich rauchbedingte Schadstoffe bei diesen Säuglingen nachweisen lassen und dass einige davon nach dem mütterlichen Konsum ansteigen. Ob diese Mengen irgendeinen Schaden anrichten, ist unbekannt, und die Studie konnte Cannabis nicht als alleinige Quelle nachweisen. Es ist ein Ausgangspunkt für Forschung, kein gesundheitliches Urteil.

Ist Verdampfen in der Stillzeit unbedenklicher als Rauchen?

Die Studie fand bei Babys verdampfender Mütter niedrigere Werte zweier Karzinogen-Abbauprodukte, was zur Chemie der niedrigeren Verdampfungstemperatur passt. „Niedriger“ bedeutet aber nicht „unbedenklich“ – THC selbst geht unabhängig von der Konsumform in die Milch über, und die Gruppe der Verdampfenden war äußerst klein. Es ist ein aussagekräftiges Signal, kein Freispruch fürs Verdampfen.

Was sagt das deutsche Recht seit dem KCanG zu Cannabis und Stillen?

Das KCanG erlaubt Erwachsenen ab 18 Jahren Besitz und privaten Anbau in begrenztem Umfang sowie den Bezug über Anbauvereinigungen – es regelt jedoch ausschließlich die Legalität des Konsums und macht keine Aussage zur Unbedenklichkeit in der Stillzeit. Gesundheitsbezogene Werbeversprechen für Cannabis- oder CBD-Produkte sind nach dem Heilmittelwerbegesetz (HWG) unzulässig. Für individuelle Entscheidungen sollte stets ärztlicher Rat eingeholt werden.

Wie viel THC erreicht ein gestilltes Baby tatsächlich?

In dieser Studie lag die geschätzte durchschnittliche tägliche THC-Aufnahme je Säugling über die Muttermilch zwischen etwa 0,002 und 0,196 Milligramm pro Tag, im Mittel bei rund 0,05 Milligramm. Das sind kleine Mengen, doch die Forschenden mahnen, dass die langfristige Bedeutung selbst geringer, wiederholter Belastung in der frühen Entwicklung nicht geklärt ist.

Haftungsausschluss

Dieser Beitrag dient ausschließlich allgemeinen Informations- und Bildungszwecken und gibt die Ergebnisse einer einzelnen, frühen wissenschaftlichen Studie wieder. Er stellt keine medizinische Beratung dar und darf nicht als Grundlage für Entscheidungen über Cannabiskonsum, Stillen oder die Versorgung eines Säuglings herangezogen werden. Die beschriebene Forschung beruht auf einer kleinen Stichprobe und kann weder Ursache noch Wirkung noch Unbedenklichkeit belegen. Schwangere, Stillende sowie Personen, die einen Säugling betreuen, sollten sich zu ihrer individuellen Situation an qualifiziertes medizinisches Fachpersonal wenden. Die rechtlichen Rahmenbedingungen für Cannabis unterscheiden sich je nach Land und ändern sich im Lauf der Zeit.

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